Können Farben das Lernen unterstützen und den Lernerfolg verbessern? Im Post „der, die, das – Farben als Lernhilfe“ habe ich bereits einige praktische Anwendungsbeispiele für Farben im Unterricht präsentiert. Mir ist es aber immer wichtig, dass es eine wissenschaftliche Bestätigung für meine Tipps gibt.

Während der Beschäftigung mit dem Thema „Farben als Mnemotechnik“ bin ich auf das Buch von Agnieszka Brzezinska „Lernpsychologie und Mnemotechniken beim Fremdsprachenlernen am Beispiel des Artikellernens im DaF-Unterricht“ gestoßen. Lasst euch bitte vom Titel nicht abschrecken, die Erkenntnisse für den DaF-Unterricht und für Unterrichtsmaterialien sind wirklich interessant (die genaue Literaturangabe findet ihr unten, es handelt sich nicht um bezahlte Werbung).

Im Buch gibt es ein ganzes Kapitel zum Thema „Farbe als Lernhilfe“ (S. 126 ff.) und eine damit verbundene empirische Untersuchung zum Artikellernen im Deutschen. Wichtiges für den DaF-Unterricht aus diesem Kapitel werde ich in diesem Post für euch zusammenfassen. Außerdem geht es im Buch um andere Mnemotechniken (Memorisierungstechniken) beim Fremdsprachenlernen.

Farben als Lernhilfe

Die Autorin fasst zunächst Theoretisches zum Thema zusammen (S. 126 ff.). Dabei geht es nicht nur um farbige Kärtchen, sondern beispielsweise auch um farbige Hervorhebungen in Texten.

Farben sind bildliche, nonverbale und konkrete (also keine abstrakten) Informationen. Die bildliche Speicherung bietet einige Vorteile, u.a. einen niedrigeren Aufwand an Aufmerksamkeit beim Lernenden und eine eventuelle schnellere Verarbeitung. Die Verbindung dieses bildlichen Kodes der Farbe beispielsweise mit Wörtern kann das Lernen unterstützen.

Benutzt auch ihr Farben an der Tafel, in euren Präsentationen? Dann macht ihr intuitiv das Richtige. Eine andere Untersuchung hat ergeben, dass die meisten Lehrkräfte Farbe verwenden, weil sie glauben, dass sich die Lernenden länger erinnern und Informationen besser vermittelt und gespeichert werden können. Und das bestätigen auch weitere Studien.

Die gezielte Verwendung von Farbe in Unterrichtsmaterialien macht das Lehrmaterial nicht nur bunter und dadurch vielleicht attraktiver, sondern sie kann auch den Lernerfolg beeinflussen. Der Einsatz von Farbe z.B. in Lehrbüchern sollte aber genau geplant werden, um nicht von wichtigen Aspekten abzulenken.

Vorteile des Lernens mit Farben

  1. Mit farbigen Hervorhebungen kann die Aufmerksamkeit auf das zu Lernende gesteuert werden. Ideal ist es, wenn die Lernenden wissen, wofür die Farben stehen.
  2. Farbe kann die Lernmotivation und Lernbereitschaft fördern. Das gilt sogar, wenn die Farbe nicht für eine bestimmte Information steht.
  3. Farbe hilft dabei, Informationen in Texten besser zu strukturieren und zu organisieren. Sehr interessant für die Praxis fand ich die Tatsache, dass sich ein positiver Effekt zeigt, wenn man in einem längeren Text einzelne Gliederungsteile beim Üben mit unterschiedlichen Farben schreiben lässt. Das ist in der Grundstufe nicht ganz so wichtig, aber bereits in B2-Prüfungen und vor allem im C-Bereich sowie in der TestDaF-Prüfung wird auch die Struktur des Textes bewertet.
  4. Vorgeschlagen im Hinblick auf das Artikellernen wird im Buch „(…) eine zusätzliche Markierung des Geschlechts eines Substantivs durch eine systematische Farbgebung oder ein Symbol (…), die möglichst in der Schule abgesprochen, und durchgehende bei allen Formen (…) angewendet werden sollte.“ (S. 131)

Wichtiges beim Einsatz von Farben im DaF-Unterricht

  1. Farbe kann den Lernerfolg nicht grundsätzlich positiv beeinflussen. Die positive Wirkung ist abhängig vom Lerninhalt und von der Lernsituation. Ein farbiges Lehrbuch führt also nicht automatisch zu besseren Leistungen.
  2. Die Anzahl der verwendeten Farben ist wichtig. Empfohlen wird, nicht mehr als sieben unterschiedliche Farben zu verwenden, die man gut unterscheiden kann.
  3. Vorsicht bei grellen Farben. Diese sollten nur bei wichtigen Hervorhebungen benutzt werden.
  4. Zu beachten ist auch die Bedeutung von Farben, so z.B. ihre sozialen Konnotationen (blau = „Jungenfarbe“, rosa/rot = „Mädchenfarbe“).
  5. Ganz wichtig ist Konsequenz beim Einsatz bestimmter Farben, um die Lernenden nicht zu verwirren.
  6. Untersuchungen haben ergeben, dass die Lernenden häufig etwas mehr Zeit benötigen, wenn Farbe gezielt eingesetzt wird, weil sich die Informationsverarbeitungszeit verlängert. Dies wird bei einem festen Unterrichtszeitplan oft nicht berücksichtigt. Es gibt aber auch Aufgaben, die durch Farbe schneller erledigt werden können (v.a. Scanning-Aufgaben).

Empirische Untersuchung zum Artikellernen im Deutschen

In der empirischen Untersuchung ging es um das Problem des Artikellernens im Deutschen, das bekannterweise sehr mühsam ist. Zum einen müssen drei visuell ähnliche Artikel unterschieden werden (der, die, das). Auch die Kennzeichnungen m, w und n für männlich, weiblich und neutral könnnen leicht verwechselt werden.

Auf die untersuchten Hypothesen, Methoden und die Versuchsbeschreibung gehe ich an dieser Stelle nicht genauer ein. Wer es genauer wissen möchte, sollte die Seiten 143 bis 154 lesen.

Ergebnis des Experiments zum Einsatz von Farbe im Unterricht

Interessant für die Praxis ist das Ergebnis des Experiments. Verwendet wurden übrigens die typischen drei Farben: blau für männlich, rot für weiblich und grün für neutral.

Und das war das Ergebnis der verschiedenen Tests der Hauptuntersuchung (davor wurde eine sog. Pilotuntersuchung durchgeführt):

  • Die besten Ergebnisse wurden bei der Zuordnung des Merkmals Farbe erzielt (ca. 14 von 16 Antworten waren richtig), also „Tisch“ in blauer Farbe, „Schule“ in roter Farbe, „Haus“ in grüner Farbe.
  • Danach folgte die Gruppe, die sich die zugeordneten Buchstaben (m, w, n) merken musste (ca. 8,3 von 16 Antworten waren richtig), also Tisch (m.), „Schule“ (f.), „Haus“ (n.).
  • Am schwierigsten war es für die Testteilnehmenden, sich gleich zwei Merkmale (Farbe und Buchstabe) zu merken (ca. 3,2 von 16 Antworten waren richtig).

Farbe als Objektmerkmal erzielt also die besten Lernleistungen. Doppelte Kennzeichnungen überfordern die Lernenden und sollten vermieden werden.

Agnieszka Brzezinska fasst das Ergebnis so zusammen:

„(…): das Merkmal Konkretheit erlaubt eine verbesserte Speicherung gegenüber dem Lernen einer sonst sehr abstrakten Information, wie der grammatikalischen Kategorie Genus, (…); Farbe wird als bildlicher Kode verarbeitet und erlaubt dadurch eine simultane und somit auch höhere Speicherkapazität und erfordert einen geringeren Aufmerksamkeitsaufwand; eine farbige Markierung von verbalen Inhalten ermöglicht es, diese doppelt zu kodieren, was möglicherweise eine bessere Lernleistung bewirkt.“ (S. 171)

Außerdem erhöhte die Verwendung von Farbe die Lernmotivation.

Nicht ganz eindeutig war das Ergebnis in Hinblick auf das Geschlecht der Teilnehmenden. In der Pilotuntersuchung schnitten männliche Teilnehmer beim Lernen mit Farbe schlechter ab, in der Hauptuntersuchung trat dieser Unterschied nicht mehr auf. Auch der Faktor Alter konnte in diesem Experiment nicht berücksichtigt werden.

Mögliche Probleme bei der der Umsetzung in die Praxis

Generell hat das Experiment ergeben, dass die Farbkodierung beim Artikellernen die Lernleistung steigert. Bei der Umsetzung in Lehrwerken und/oder im Unterricht könnten laut Agnieszka Brzezinska jedoch Probleme auftreten:

  1. Unterschiedliche Lehrwerke und Lehrende verwenden verschiedene Farben. Dieses Problem ergibt sich meiner Erfahrung nach vor allem dann, wenn Gruppen von mehreren Lehrkräften unterrichtet werden.
  2. Eventuelle Probleme bei der Verwendung der Farbe Gelb und somit einer vierten für Pluralformen.
  3. Probleme beim Einsatz eines einzigen Farbsystems in unterschiedlichen Sprachen. Meine eigene Erfahrung in diesem Bereich ist unproblematisch. Ich selbst verwende beispielsweise beim Lernen von Fremdsprachen für männliche Substantive immer blau.
  4. Weniger effektiv könnte der Einsatz von Farbe in unzusammenhängenden, gemischten Vokabellisten sein. Besser ist die farbige Markierung bei Gruppen von Wörtern (separate Spalten pro Genus, d.h. eine eigene Spalte oder ein eigenes Blatt für männlich, weiblich, neutral) oder bei der Verwendung des Karteikartensystems.

Farben als Lernhilfe – Zusammenfassung

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der konsequente Einsatz von Farbe im Unterricht bzw. beim Lernen der Artikel sinnvoll ist.

Agnieszka Brzezinska weist darauf hin, dass sie selbst die Erfahrung gemacht hat, dass sich fortgeschrittene Lernende eher von der Methode angesprochen fühlen als Anfänger. Meiner Meinung nach liegt das auch daran, dass man als Lehrkraft den Sinn des Einsatzes von Farbe in fortgeschrittenen Kursen erklären kann, was bei den vielen verschiedenen Muttersprachen der Teilnehmenden in Anfängerkursen unmöglich ist. Zudem haben die fortgeschrittenen Lernenden selbst die Erfahrung gemacht haben, wie schwierig das Speichern der korrekten Artikel im Deutschen ist und dass es zu Folgefehlern führen kann, wenn man den falschen Artikel verwendet (z.B. bei der Adjektivdeklination). Anfänger unterschätzen dieses Problem häufig.

Berücksichtigt werden sollen auf jeden Fall beim Einsatz von Farbe die drei Variablen Lerner, Inhalt und Aufgabe (S. 137). Nicht jeder lernt auf die gleiche Art und Weise und auch die Vermittlungssituation (z.B. Klein-/Großgruppe) kann eine Rolle spielen.

Falls ihr euch intensiver mit dem Thema beschäftigen möchtet, hier die genaue Literaturangabe:

Agnieszka Brzezinska: Lernpsychologie und Mnemotechniken beim Fremdsprachenlernen am Beispiel des Artikellernens im DaF-Unterricht. Innsbruck: Studienverlag 2009 (= Band 10 der Reihe Theorie und Praxis. Österreichische Beiträge zu Deutsch als Fremdsprache). [Es handelt sich nicht um bezahlte Werbung!]

Das könnte dich auch interessieren:


Hinweis: Zurzeit ist die Kommentarfunktion deaktiviert!
Wenn du einen Kommentar sendest, wird deine E-Mail-Adresse nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.
Mit Absenden des Kommentars erklärst du dich mit den Hinweisen in der Datenschutzerklärung von Beates DaF-Tipps einverstanden.